Michel Lucas: Das Hohe Venn

Fotoausstellung: 27. Mai bis zum 05. August 2018

Die Hochmoore des Hohen Venn im belgischen Teil der Eifel stehen im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit des aus dem niederländischen Nijmwegen stammenden Landschaftsfotografen Michel Lucas. Etwa 4500 Hektar nehmen diese Hochmoore heute noch ein und bilden ein ganz besonderes Stück Wildnis inmitten des grenzüberschreitenden Naturparks Hohes Venn – Eifel. Auf 700 Meter gelegen, unterliegen die Moore des Hohen Venn einem rauen Klima mit hohen Niederschlägen und im Jahresschnitt 70 Tagen Schnee.

Michel Lucas führt seine fotografische Auseinandersetzung mit der Natur des Hohen Venn in „leisen Tönen“. Unter anderem inspiriert vom amerikanischen Fotografen und Pulitzerpreisträger Jack William Dykinga „schreien“ seine Bilder nicht durch Kontrast und Farbe, sondern zeichnen sich durch die schon fast intime Kenntnis der Landschaft in allen Jahreszeiten sowie hoher Detailgenauigkeit aus.

Treffpunkt: Kasse, Gebühr: Eintritt zur Ausstellungseröffnung frei

co Michel Lucas

co Michael Lucas

 

Ausstellung am Sonntag, den 27. Mai im Beisein des Fotografen eröffnet. Naturfotograf Willi Rolfes, Vechta, hielt die Laudatio. 

Rede anlässlich der Eröffnung der Fotoausstellung
„Das Hohe Venn“ von Michel Lucas
am 27. Mai 2017 im Emsland Moormuseum

sehr geehrter Herr Bürgermeister Höke,
sehr geehrter Herr Dr. Haverkamp,
lieber Michel Lucas,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist für mich eine große Freude, am heutigen Sonntag im Emsland Moormuseum einige einführende Worte anlässlich der Eröffnung der Fotoausstellung „Das Hohe Venn“ zu sprechen. Gerne bin ich der Einladung von Dr. Haverkamp nachgekommen, da ich mit der grafischen und reduzierten Art der Fotografie von Michel Lucas und dem Lebensraum Moor gleich zwei Anknüpfungspunkte vorfinde, die mich ansprechen und inspirieren.

Das Emsland Moormuseum befasst sich mit dem Lebensraum Moor und dem Leben der Menschen im und mit dem Moor. Der ehemals unwirtliche Lebensraum Moor wurde von den Menschen trockengelegt, urbar gemacht oder der Torf abgebaut, verpackt und in alle Himmelsrichtungen verkauft. Wollten hier Menschen siedeln oder sich eine wirtschaftliche Grundlage für ihr Überleben erarbeiten, mussten sie den Lebensraum Moor in seiner Ursprünglichkeit umwandeln und damit zerstören. Die Geschichte der Urbarmachung der Moore wird hier in diesem Museum anschaulich nachgezeichnet. Moore galten lange Zeit, noch weit bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, als lebensfeindliche Räume. Wer im Moor lebte oder siedelte galt als arm.

Das hat sich heute ins Gegenteil verkehrt. Heute ist das Emsland eine wirtschaftlich prosperierende Region. Und auch mit Blick auf das Moor setzt ein neues Bewusstsein ein, denn die verbliebenen Moore müssen als letzte Rückzugs- und Lebensräume für gefährdete Pflanzen und Tierarten, sowie als Zeugnisse früherer Kulturen, Lebens- und Wirtschaftsweisen verstanden werden. Wie wir heute wissen, sind Moore die effektivsten Kohlenstoffspeicher innerhalb der Landökosysteme und erfüllen damit auch eine wichtige Klimaschutzfunktion für den Menschen.

Doch warum erzähle ich Ihnen das in einer Einführung zur Ausstellung des niederländischen Naturfotografen Michel Lucas?

Der Biologe und Naturfotograf Michel Lucas hat sich in den zurückliegenden Jahren intensiv mit zwei Lebensräumen befasst. Einem Moor vor seiner Haustür in den Niederlanden dem Haterste Venn und dem Hohen Venn, dem älteste und mit 4.500 ha auch zugleich größten Naturschutzgebiet Belgiens. Das Hohe Venn besticht durch seine kargen Hochmoorlandschaften auf einem Hochplateau und durch bewaldete Täler entlang der Hänge. Diesen beiden Lebensräumen widmete sich Michel mit seiner ganzen Leidenschaft, Zeit und Kreativität. Er suchte das Hohe Venn zu allen Jahreszeiten immer und immer wieder auf und dabei wurden der Herbst und der Winter seine besonderen Freunde. Die Zeit der Veränderung und die karge Zeit. Diese Arbeiten sind Gegenstand der Fotoausstellung und eines Buches.

Dem Landschaftsfotografen drängen sich in einem solch ausgeräumten und unwirtlichen Gebiet die Motive nicht auf. Warum also wurde das Hohe Venn, diese sperrige Landschaft, zu einem Ort der kreativen fotografischen Auseinandersetzung für Michel?

Ich glaube, Michels Bilder sind nicht nur Zeit- und Ortszeugnisse. Das sind sie zweifelsohne auch. Doch sie sind mehr. Um das zu erkunden, lade ich Sie zu einem kleinen Exkurs in das Genre der Naturfotografie ein.

Was ist Naturfotografie?

“Fotografie ist die Kunst, mehr zu zeigen als man sieht“ stellt die Schweizerin Linda Abba fest. Fotografie scheint demnach mehr zu sein, als nur das Abbilden eines Ausschnitts aus der Wirklichkeit. Fotografien haben offensichtlich eine äußere Dimension und manchmal, wenn es gelingt, eine innere, zu entdeckende Dimension. Aber fangen wir von vorne an.

Die Naturfotografie ist in der Fotografie der Bereich, dessen Interesse der Natur, den natürlichen Phänomenen, Tieren, Pflanzen und Landschaften gilt. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze: Es kann zwischen künstlerischer und dokumentarischer Naturfotografie unterschieden werden. Auch die Motivation des Fotografen kann variieren von der Naturfotografie als Hobby bis zum Beruf, von der gelegentlichen Freizeitbeschäftigung bis hin zu einer leidenschaftlichen Professionalität. In der Arbeitsweise vieler Naturfotografinnen und –fotografen lässt sich die Grundtendenz feststellen, dass die vorgefundene Situation oft möglichst natürlich wiedergegeben werden soll oder vorsichtig interpretiert wird. Erst in jüngerer Zeit zeigt sich ein Trend zur verstärkt künstlerischen Interpretation der Natur. Es ist ein Weg vom Abbild zum Sinnbild. Es werden nicht nur äußere Bilder dokumentiert, sondern inneren Bildern wird Ausdruck verliehen.

Der wohl bedeutendste deutsche Naturfotograf Fritz Pölking (1936 – 2007) hat die Frage nach dem Wesen der Naturfotografie einmal so zusammengefasst: „Ein guter Naturfotograf zu werden ist nicht schwer, man braucht dazu lediglich:

• das handwerkliche Können des Fachfotografen
• die kreative Gestaltungskraft des Künstlers
• die Neugier des Journalisten
• den Jagd- und Beutetrieb eines Jägers
• die Besessenheit und Konsequenz des Wissenschaftlers und
• die Liebe des Naturschützers zu den Geschöpfen“.

Diese Hinweise von Fritz Pölking zeigen die große Bandbreite und die vielseitigen Herausforderungen des Genres „Naturfotografie“ auf.

Die Naturfotografie hat im Prozess der Bewusstseinsbildung eine besondere Bedeutung. Sie dokumentiert, ruft auf, erklärt und fasziniert. Mit Bildern ist es möglich, ohne wortreiche Argumente Brücken ins Bewusstsein der Menschen zu bauen und dieses nachhaltig zu prägen. Bilder sind mächtige Botschaften, da sie schnell aufgenommen werden können und komplexe Sachverhalte in einem Moment verdichten. Verantwortungsvolle Naturfotografie nutzt die Flora und Fauna nicht nur als Objekt. Sie beabsichtigt mehr: Sie möchte im Dienst des Naturschutzes den Betrachter sensibilisieren, auf Probleme aufmerksam machen oder die Schönheit und Verletzlichkeit der Natur vor Augen führen und auf diese Weise zur Bewusstseinsbildung der Menschen beitragen.

Die „Gesellschaft Deutscher Tierfotografen“ (GDT) arbeitet nach dem Leitmotiv: „Naturbilder schaffen Naturverständnis“. Ein gelungenes Naturfoto ist demnach ein idealer Ausgangspunkt, um einem breiten Publikum einen Lebensraum oder eine Tier- oder Pflanzenart auf sympathische Weise nahe zubringen.

Aber nicht nur das Bildergebnis selbst, sondern auch die fotografischen Wege dorthin wollen bedacht sein und vielleicht sind die nachstehenden Gedanken nicht nur für die Fotografie von Bedeutung. Ein wichtiger Grundsatz der Bildgestaltung hat sich auch bei der Zusammenstellung der Fotoausrüstung bewährt: Weniger ist mehr!

Nicht aufwendige Fototechnik ist das wichtigste fotografische Werkzeug, sondern die Auseinandersetzung mit der Bildidee, Zeit und Geduld. Eine gute Recherche, weckt Ideen und genügend Zeit entschleunigt die Arbeit und verhilft dazu, sich mit Kreativität und wachem Geist auf ein Motiv einzulassen. Überhaupt ist Fotografie im Tiefsten wohl die Kunst, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. An den Bedingungen dafür kann man arbeiten, aber letztendlich sind die schönsten Momente, die wertvollsten Bilder ein Geschenk. Man kann das Glück nur einladen. Damit es sich einstellen kann, dafür bedarf es Offenheit, Wachsamkeit, und viel Geduld. Ich glaube darin liegt die wahre Herausforderung beim Fotografieren.

Mein Freund Pfarrer Stefan Jürgens hat in einem seiner Bücher darauf aufmerksam gemacht, dass dem Sprechen das Hören vorausgeht. So verhält es sich nach auch mit der Bildsprache. Um sich auf ein fotografisches Projekt gut einzustimmen, bedarf es einer längeren und intensiven Vorbereitung. Es ist lohnenswert, sich einzusehen und einzustimmen auf eine Landschaft wie beispielsweise winterliche Moorstimmungen, die man bildlich interpretieren möchte. Dabei ist die Zeit, die man draußen verbringt, durch Nichts zu ersetzen. Interessante Lichtstimmungen entstehen gerade in den Wendezeiten: vom Regen zur Sonne, vom Tag zur Nacht oder an den Übergängen der Jahreszeiten. Solche Draußen-Erlebnisse sind wie Hören. Die Bildsprache entwickelt sich dadurch.

Auch wenn es im ersten Moment paradox erscheint: Bei der Naturfotografie sollte man sich nicht zu sehr auf die Suche nach Antworten begeben, sondern auf die Suche nach Fragen. Wenn man die Fragen kennt, sind die Antworten oft nicht mehr weit. Doch wer nur Antworten übernimmt, ohne die Fragen selbst durchdacht zu haben, wird sie im Tiefsten nicht ergründen. Die Inspiration der Natur steckt in den vielen Fragen und Überraschungen, die sie für uns bereithält. Diese Inspiration in Bilder umzusetzen beginnt mit der Sensibilität für die Natur, der Qualifikation des eigenen fotografischen Handwerks sowie der Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Komposition. Wem es gelingt – wie Michel -, der Natur mit der Sprache der Symbole zu begegnen, der wird eine erfüllende Aufgabe finden.

Bei allen Gedanken zu der Intention eines Fotos, der Bildgestaltung und der Fototechnik sollte nicht übersehen werden, dass die Zeit, die man sehenden Auges in der Natur verbringt, durch nichts zu ersetzen ist. Ein Naturerlebnis ist für mich die Grundlage für ein gutes Foto.

In Zeiten der digitalen Fotografie ist die Echtheit eines Bildes stets ein Thema. Naturfotografien sollten ein Versprechen an den Betrachter sein, dass sich die Momente so in der Natur zugetragen haben. Dieser dokumentarische Ansatz und die sich daraus ergebende Glaubwürdigkeit, auch bei der künstlerischen und kreativen Umsetzung sind der Kern des Genres der Naturfotografie. Naturfotografie hat den Auftrag, von der Schönheit, Verletzbarkeit und Würde der Schöpfung eindringlich zu berichten, um auf diese Weise die Menschen für den Schutz der Natur zu begeistern.
Ausblick

Dem kanadischen Porträtfotograf Yousuf Karsh wird das Wort zugesprochen: „Fotografieren heißt Bedeutung schenken“. Die Naturfotografie ist eine Fokussierung auf einen bestimmten Teil der Schöpfung. Die Ausdruckskraft einer gelungenen Naturfotografie kündet von der Würde, dem Geheimnis und der Schutzbedürftigkeit der Natur.

Naturfotografien sind auch persönliche Zeugnisse. Caspar David Friedrich, der bedeutende Maler der Frühromantik, wird mit folgendem Gedanken zitiert: „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“ Wenn dieser Gedanke nicht nur für die Malerei zutrifft, dann zeigt sich in den Fotografien auch ein Stück der Seelenlandschaft des Fotografen.

Ich bin froh und dankbar, dass in den wunderbaren Räumen dieses Museums, mit dem Medium oder gar der Kunst der Fotografie Menschen die Augen geöffnet werden. Sie angerührt werden, von der Schönheit und der Würde der Schöpfung.

Die Arbeiten von Michel Lucas sind in meinen Augen sehr persönliche Bilder. Sie schöpfen ihre Kraft und Würde aus Umbrüchen, der Dunkelheit und der Wildheit des Verborgenen. Es sind sehr grafische Bilder, aufwendig komponiert. Bilder der Stille. Michel zeigt uns, dass die Reduktion, der Verzicht, keine Mangel, sondern eher der Weg zur Vollkommenheit ist.
Dem französischer Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry wird der Satz zugesprochen: „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“

Ich lade sie herzlich ein – auch unter diesem Gesichtspunkt – den Arbeiten von Michel Lucas zu begegnen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.